Veröffentlicht am Fr., 14. Okt. 2016 11:12 Uhr

Seit mehr als zehn Jahren gestalten Jugendliche im Kirchenkreis Chor- und Theatercollagen zur Gedenkveranstaltung „Erinnern und nicht vergessen“. Sie setzt sich mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und dem Nationalsozialismus auseinander.


„Widerstand!?“ heißt die neueste Theatercollage, die am 8. November in der Hochmeisterkirche Premiere hat. Sie erzählt die Geschichte von Liane Berkowitz: Die 19-Jährige wurde 1943 von den Nationalsozialisten in Plötzensee hingerichtet, nachdem sie in Berlin Zettel gegen das Regime an Straßenlaternen geklebt hatte. Sabine Maaß aus dem Amt für Jugendarbeit und Kirchenmusiker Christian Hagitte haben das Stück mit Jugendlichen entwickelt.


Frau Maaß, Hauptfigur der Geschichte ist die Schülerin Liane Berkowitz. Weshalb fiel die Wahl auf sie?
Pfarrer Michael Maillard vom Ökumenischen Gedenkzentrum hatte sie mir vorgeschlagen. Liane Berkowitz war jung und im Widerstand organisiert – und Widerstand als Thema empfinde ich im Hinblick auf unsere derzeitige politische Lage in Deutschland sehr aktuell. Außerdem ist mir ein Buch von Stefan Roloff in die Hände gekommen: Er hat über seinen Vater geschrieben, der mit Liane Berkowitz in der Widerstandgruppe Rote Kapelle aktiv war. Diese Einblicke waren hochinteressant.


Im Kirchenkreis Charlottenburg-Wilmersdorf hat die Gedenkarbeit zum 9. November 1938 eine lange Tradition. Wie holt man die Themen dieser Zeit ins Hier und Jetzt?

Indem man die Augen offenhält. Im vergangenen Jahr war ich in Polen in der Jugendbegegnungsstätte Kreisau. Das alte Gut gehörte früher Helmuth James Graf von Moltke. Dort trafen sich die Mitglieder des Kreisauer Kreises, die im Widerstand gegen die Nationalsozialisten waren. Während ich da war, waren Briefe ausgestellt, die Freya von Moltke ihrem Mann über die Situation in Deutschland geschrieben hat. Manchmal hätte man meinen können, sie seien von heute.


Von der Idee bis zur Premiere des Stücks in der Hochmeisterkirche hatten Sie in diesem Jahr nur zwei Monate Zeit.
Ja, das ist echte Gemeinschaftsarbeit. Wir treffen uns einmal pro Woche und schauen: Wo soll die Geschichte hinführen, welche Szenen sind uns dafür wichtig? Später bringen die Jugendlichen dann ihre Themen ein und füllen das Stück mit Leben. Grundsätzlich versuche ich, den Stoff auf ihre Ebene zu holen. Zum Thema Widerstand könnte man ja auch eine Theatercollage über Stauffenberg machen. Aber so ein Militär – was haben Jugendliche mit ihm zu tun? Der ist viel zu groß, viel zu weit weg.


Was hat Ihre Schauspielerinnen und Schauspieler an Liane Berkowitz‘ Geschichte besonders bewegt?

Genau diese Nähe. Sie ist ja gerade mal 18, als sie verhaftet wird. Ein ganz normales Mädchen von der Abendschule, das umgebracht wird, weil es Flyer gegen das Regime an Laternen geklebt hat. Etwas völlig Banales! Ich glaube, dass den Jugendlichen klar wird, wie frei sie heute leben können und weshalb sie diese Freiheit schützen müssen.


Und was kann ich als Zuschauer aus dem Stück mitnehmen?

Vor allem viele Fragen. Lohnt sich Widerstand? Warum machen Menschen das? Bringt es überhaupt etwas? Interessant ist auch die besondere, tiefe Religiosität, die Liane Berkowitz entwickelt. Zu Beginn ist sie nicht besonders gläubig. Später beschreibt der katholische Pfarrer des Gefängnisses eine sehr bewegende Szene, in der sie betet und Trost findet. Es ist ein sehr leises Stück, aber mit großer Wucht.


"Widerstand!?" feiert am Dienstag, 8. November um 19 Uhr Premiere in der Hochmeisterkirche, Westfälische Straße 70. Das Stück wird am 9. November, 19 Uhr nochmals aufgeführt und ist im Rahmen des Bildungstags für Berliner Schülerinnen und Schüler am Buß- und Bettag im Cafe Theater Schalotte zu sehen.


Interview: J. Kaelberlah / Foto: PR

Kategorien Jugend: Workshops & Aktionen